Zum 100. Mal – ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte mit meinem Meister Alfred Heymann
Es war wieder einmal einer der Landeslehrgänge mit Alfred Heymann, zu dem wir gekommen waren, bei dem es sich zutrug, dass mein Mann in der Männerumkleide einen Dialog zwischen zwei Lehrgangsteilnehmern verfolgte:
A: Kennst Du den Meister schon?
B: Ja, ich war schon ein paarmal bei ihm.
A: Wie oft denn?
B: Ach, öfter, so 8- bis 10-mal.
Als mein Mann mir von diesem Dialog erzählte, war meine Neugierde geweckt. Wie viele Lehrgänge hatte ich eigentlich bei meinem Meister Alfred bisher besucht? Zum Glück gibt es die DAB-Pässe, die alles akribisch dokumentieren.
Das Kennenlernen aber war in keinem Pass vermerkt und das Datum lässt sich nicht mehr herausfinden. Es muss Anfang der 2000er-Jahre gewesen sein. Alfred war als Leiter einer Danprüfungskommission, die in Lübeck im LJC Prüfungen abnehmen sollte, eingesetzt. Da an zwei Tagen geprüft wurde, bedurfte es einer Übernachtung der Prüfer und unser damaliger Meister Gerd Bennewitz, der die Aikido-Abteilung zu jener Zeit leitete, bat mich, doch ein Abendprogramm für Alfred zu organisieren, da er selbst im Theater bei einer Vorstellung auftreten müsse und sich daher nicht um den hochrangigen Gast kümmern könne. Gesagt, getan. Ich organisierte einen Tisch in einem guten Restaurant in der Lübecker Innenstadt und eine Reihe von VereinskollegInnen kamen mit, um einen netten Abend in guter Gesellschaft bei schmackhaften Essen zu verbringen. So kamen Alfred und ich ins Gespräch.
Wiedersehen sollte ich Alfred dann auf dem BWL II auf dem Herzogenhorn im Jahr 2004 – so sagt es mein alter blauer Pass. Ich machte damals nach meiner Prüfung auf den 1. Dan auf dem BWL I direkt im Anschluss eine zweite Woche! (Welch ein Irrsinn, denke ich heute. Aber damals war ich noch jünger ...)
Vom Lehrgang weiß ich hauptsächlich noch, wie Edith damals amüsiert war, weil ich mit dem neuen Hakama kämpfte und zunächst über meine eigenen Füße stolperte. Von da an gehörte das „Horn“ mit Alfred zum Sommer dazu. Ein Muss! Eine Woche hochkarätiger Input in wunderbarer Umgebung hat sich im Gedächtnis eingebrannt. Jedes Jahr war es zwar fast das gleiche Programm, oft ähnliche Erklärungen und doch kam jedes Jahr etwas dazu, weil ich Dinge nun einordnen konnte und weil Alfred sich immer weiterentwickelte, immer weiter forschte und damit ein Vorbild für alle seine SchülerInnen ist. Meine Prüfung auf den 4. Dan in 2019, die Alfred auf dem Horn beim BWL II abnahm, war denn auch die letzte Dan-Prüfung des DAB in der Sportschule dort. Danach zog der DAB nach Bad Blankenburg um. Eine Fortsetzung immerhin, ein geeigneter Ort, aber nicht so legendär, wie das Horn.
Ein paarmal waren dorthin auch befreundete Aikidoka aus Frankreich gekommen wie Paul Froehly, François Noizée, Luc und Stephan. Auch als Alfred in Mulhouse bei Paul und in Pessac bei Bordeaux in François‘ Dojo zu Lehrgängen eingeladen war, war ich mit meinem Mann dabei und übersetzte die Lehrgänge vom Deutschen ins Französische und umgekehrt. Verzweifelt bin ich allein an Alfreds Wortspielen, die schon auf Deutsch ein Denken um die Ecke erfordern. Aber das dann zu übersetzen ... Da kam ich an meine Grenzen.
Der Kontakt nach Frankreich und die deutsch-französische Freundschaft auf der Matte liegt uns beiden am Herzen. Alfred spricht immer wieder mit großer Begeisterung von seinem Meister: Maître Nocquet. Von diesem hatte auch unser gemeinsamer Freund Paul Froehly gelernt, der seit einigen Jahren ebenso wie ich Alfreds Schüler ist. Wenn dann neben meinem Mann auch noch beim Training Alfreds Uke und unser Freund Alex mit an Bord sind, den ich von Kindesbeinen an aus unseren Dojos kenne, dann fühlt es sich auf der Matte einfach nach „zu Hause“ an und ich bin glücklich, diese wunderbare Budo-Disziplin mit so tollen Leuten ausüben zu dürfen.
Seit 2017 folge ich meinem Meister, wo immer es geht, und neben ZT und DV in Niedersachsen bestimmen auch Bundeslehrgänge und Landeslehrgänge mit Alfred den Monats- bzw. Jahresrhythmus. Ich bin dankbar, dass mein Mann Stefan genauso begeistert vom Aikido ist wie ich und ebenfalls der Meinung ist, dass es ein Geschenk ist, bei Alfred trainieren zu dürfen. Wir sind dankbar, dass wir von Alfred nicht nur ein technisch absolut hochklassiges Aikido vermittelt bekommen sondern auch, dass er den Aspekt der Ganzheitlichkeit auf allen Ebenen der Technik und vor allem darüber hinaus vermittelt und lebt. Im Aikido steckt so viel Tiefe und man kann so unendlich viel darin entdecken. Alfred weist uns den Weg, den wir uns – jeder auf seinem Pfad – zu gehen bemühen.
Alfreds teils philosophisch anmutende Betrachtungen der Dinge des Lebens haben uns schon vielfach im Alltag geholfen. Er bringt die Dinge auf den Punkt und vermittelt uns vor dem Hintergrund seiner großen Lebenserfahrung, dass es oft die kleinen und die einfachen Dinge sind, die das Leben reich und wertvoll machen; dass es gilt, im Zentrum zu bleiben, sich treu zu bleiben, die Ruhe zu bewahren und sich dem Fluss der Bewegung und des Lebens anzuvertrauen.

Als ich nun die Lehrgänge in den drei Pässen gezählt hatte, stellte ich kurz vor dem Landeslehrgang in unserem Dojo im Genbu-Kai Lübeck im Dezember 2025 fest, dass dies mein 99. Lehrgang bei Alfred war. Ich erklärte ihn auf dem Lehrgang dann, ob der vielen auf dem Horn und in Bad Blankenburg gemeinsam unter einem Dach verbrachten Monate, kurzerhand zu meinem ehemaligen Mitbewohner, was er schmunzelnd zur Kenntnis nahm. Danach vergaß ich selbst das Zählen wieder, um beim 100. Lehrgang in Langenhagen von Alfred daran erinnert zu werden. Wir arbeiten jetzt an den nächsten 100. In drei Wochen beim ZT geht es schon weiter.
Frauke Drewitz,
Genbu-Kai Lübeck e.V.