Deutscher Aikido-Bund e.V.

einziger vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) anerkannte Fachverband für Aikido

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Ein Jubiläumslehrgang besonderer Art

Wenn jemand die Lehrgangsankündigungen liest, dann steht oft nicht mehr an erster Stelle: „Wo kann ich noch etwas lernen?“, sondern: „Welche Lehrgänge brauche ich, damit ich zur nächsten Prüfung zugelassen werde oder meine Lizenzen verlängert werden?“ – Dann als Nächstes: „Meister X, kenn’ ich, war ganz interessant.“ oder: „Vereinslehrgang mit Meister Überblick, 2. Dan – unter meinem Niveau!“ Das alles könnte auch bei mir eine Rolle spielen, da ich 1965 mit Aikido angefangen habe und so manches miterleben durfte, wenn ich nicht Rentner oder, vornehmer ausgedrückt, Pensionär wäre, die bekanntlich ja immer ein Zeitproblem haben; bei mir: Familienforschung, Töpfern, Bonsais pflegen, Polnisch und Japanisch lernen – ach ja und Aikido.

Als ich in Lehrgangsankündigungen und „aikido aktuell“ die Mitteilung las, dass der Aikido-Club Northeim anlässlich seines 30- jährigen Bestehens zu einem Jubiläumslehrgang einlud, staunte ich nicht schlecht: Lehrer Edmund Kern, 8. Dan Kyoshi (Regionaldirektor Aikido für Deutschland der IMAF), und Alfred Heymann, 7. Dan (DAB- Bundestrainer), zwei Vertreter mit gegensätzlichen Organisationsstandpunkten.

Für mich war klar, bei so einem historischen Ereignis, da musst du hin. Bei strahlendem Sonnenschein startete ich um 8 Uhr in Richtung Northeim. Hotel vorbestellt, Navigator aufs Ziel programmiert und rauf auf die Autobahn. Ohne Probleme kam ich bereits gegen 11 Uhr an und fand schließlich das Hotel und, was noch wichtiger war, einen Parkplatz. Es blieb Zeit fürs Mittagessen, einen Bummel über einen kleinen Markt und eine geruhsame Mittagspause.

In der Sporthalle am Schuhwall angekommen, wurde ich herzlich begrüßt. Siegfried Mudra hatte mich sofort als den „Initiator von 50 aufwärts“ identifiziert.

Als ich in die Halle kam, hörte ich mit sächsischem Zungenschlag meinen Namen, ein Dresdener, der mal in Siegburg trainiert hatte, erkannte mich sofort.

Es war klar, dass, bevor die Arbeit auf der Matte begann, die Vereinsvorsitzende Bärbel Mudra, der Bürgermeister und der Vertreter des Aikido-Landesverbandes einige Worte zur Begrüßung vorbereitet hatten, verbunden mit Glückwünschen für Alfred Heymann zur Verleihung des 7. Dans und zu seinem 40-jährigen Mattenjubiläum.

Das Eröffnungszeremoniell der Lehrer war der Situation angepasst, die Worte von Edmund Kern und Alfred Heymann ließen erkennen, dass die in den Gründerjahren entstandene Konfrontationshaltung sich zu einer freundlichen, partnerschaftlichen Akzeptanz gewandelt hat.

So begann Edmund Kern, der in der Tradition von Meister Saito (Iwama-Ryu) unterrichtet, seinen Unterricht mit „Tai-no- henko“ und den Variationen, die sich hieraus entwickeln ließen.

Da die 108 Teilnehmer aus 22 verschiedenen Clubs auch unterschiedlichen Verbänden angehörten, z. B. DAB, IMAF, FDAV u. a., erklärte er, wie sich die einzelnen Techniken von der mehr statischen „Kihon-waza“ hin zur fließenden Bewegung (Ki-no-nagare) entwickeln.

Da in seiner Lehrerorientierung die Waffen eine zentrale Rolle einnehmen, wurden immer wieder Beispiele gezeigt, wie das Schwert gehalten und geführt wird. „Aikido definiert sich vom Schwert her. Wenn man nicht weiß, wie die Handhaltung ist, muss man sich vorstellen, wie man das Schwert hält und führt.“

Alfred Heymann setzte im zweiten Teil am Unterricht von Edmund Kern an und zeigte aus seinem umfangreichen Repertoire verschiedene Grundtechniken und Kokyu-nage-Formen. Mit pädagogischem Einfühlungsvermögen korrigierte er und half über Schwierigkeiten hinweg, die anfänglich durch die unterschiedlichen Lehrerorientierungen bei einigen Teilnehmern bestanden.

Von meinem Hotel aus war das Chinarestaurant zu Fuß einfach zu erreichen und im Glauben, ich sei etwas zu früh, fand ich schon eine muntere Schar an den Tischen. Ich landete bei Teilnehmern aus Amorbach. Ich fand, der Name der Stadt passte so gut zu Aikido, weil Ueshiba das eine Zeichen AI („passen, angemessen sein, zusammenfügen“) durch ein anderes AI („Liebe“) ersetzt hat. Die Zeit verging bei den interessanten Gesprächen wie im Flug und mit der Erkenntnis, dass es in Northeim auch ein gutes Bier gibt, fand ich mich zur nächtlichen Stunde wieder im Hotel ein.

Sonntag, gut geschlafen und gefrühstückt, fanden sich alle erneut in der Halle ein. Zurückschauend auf den vorhergehenden Tag: 40 Jahre Erfahrung lassen sich nicht verleugnen; es lohnt sich für einen auch, die Zeit durchzustehen, in der man nicht so motiviert ist.

Edmund Kern unterrichtete u. a. „Aiki- ken“ und innerhalb des Bereiches Schwert „Awase“, festgelegte Angriffs- und Verteidigungstechniken, bei welchen beide Partner ein Schwert haben, der Verteidiger aber die letzte, entscheidende Bewegung ausführt. Die Formen wurden in drei Variationen geübt, zuerst mit einem Meter Zwischenraum zwischen den Partnern, dann Angriff und Verteidigung hintereinander (stop & go) und letztlich realistisch in einem den Partnern angepassten Tempo.

Innerhalb des Lehrgangs zeigte Alfred Heymann Stab-Techniken, die besondere Beachtung fanden; einmal, weil Waffentechniken in den Dojos nicht so oft unterrichtet werden, und zum anderen gibt es ja bei den Lehrern stilistische Unterschiede.

Den Abschiedsworten der Lehrer und Organisatoren war zu entnehmen, dass es nicht ausgeschlossen ist, einen solchen verbandsübergreifenden gemeinsamen Lehrgang zu wiederholen.

PS: Herzlichen Dank den guten Geistern für den reichlich und abwechslungsreich gedeckten Tisch am Ende des Lehrgangs.

Manfred Putzka (67), Aikido-Club Siegburg e. V.

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